Es ist der 10. Mai 2011, 2 Tage nach dem Tag der Befreiung in Brandenburg an der Havel. Pünktlich um 18Uhr wurden die Pforten vom Haus der Offiziere in Brandenburg geöffnet – ein Zeitzeugengespräch soll stattfinden. Ein kleiner, bunt gemischter Kreis Interessierter versammelt sich im Baikonur und wartet auf den Ehrengast: Erhard Stenzel.
Der bereits 86jährige Mann reist auf Einladung aus Falkensee an, um seine bewegte Vergangenheit so vielen Menschen wie möglich nahe zu bringen. Als bekennender Antifaschist und Friedensaktivist erzählt er nun von seinem Sessel aus die Geschichte seines Lebens und alle lauschen gebannt.
Bereits 1933, als er selbst erst 8 Jahre alt war, wurde sein Vater als Kommunist von der SA und Gestapo ins Konzentrationslager deportiert. Ein Wendepunkt im Leben eines Kindes, der sich ihm zeitlebens einprägte. Nie in der Hitlerjugend oder im Jungvolk organisiert, musste Erhard Stenzel bereits in jungen Jahren die Schikanen von Mitschülern, Lehrern und Vorgesetzten erfahren. Sein Klassenlehrer war SA-Obersturmführer und war auch derjenige, der seinen Vater ’33 mit dem Lastwagen abholte. Entsprechend schwer gestaltete sich für den Jungen die Schulzeit. Nach seinem Abschluss bekam er eine Lehre als Schriftsetzer und wurde im letzten Lehrjahr wegen Sabotageverdachts 3 Monate von der Gestapo inhaftiert. Er musste als junger Erwachsener psychische und physische Folter erleben, die uns kaum vorstellbar sind. Hinrichtungen von Männern und Frauen wurden vor seinen Augen durchgeführt. Dass auch dies ein Punkt im Leben ist, an dem man Ansichten und Meinungen überdenkt, ist selbstverständlich. Stenzel war nie überzeugter Nationalsozialist. Trotzallem wurde er ’43 zur Wehrmacht eingezogen und nach Nordnorwegen, Hammerfest versetzt. Seine Akte, in der nicht nur der Vater, sondern auch seine Inhaftierung vermerkt waren, eilte im stets voraus.
Nachdem Stenzel als junger Mann in der nördlichsten Station Europas diente, wurde er nach Nordfrankreich geschickt. Dort dachte er das Erste mal ans Desertieren. Er lernte 1944 einen Schuhmacher kennen, der in der Résistance organisiert war und ihm so einen Kontakt zum französischen Widerstand herstellen konnte. Die Résistance war in Frankreich eine sehr breite, alle Bevölkerungsschichten betreffende Bewegung, der auch Prostituierte angehörten. Erhard Stenzel lief also, als sich ihm eine geeignete Gelegenheit bot über und trat kurz darauf dem französischen Widerstand bei. Er diente von nun an in einer international besetzten deutschsprachigen Kampftruppe und bekämpfte aktiv den Hitlerfaschismus. In Bunkern im Wald quartierend, neu ausgebildet, sollte die deutsche Armee zermürbt werden. Kampfeinsätze, Befreiungsaktionen, Versorgungssabotage und das Vorbereiten der Landung alliierter Streitkräfte wurden auch von Stenzel ausgeführt. Seite an Seite mit den alliierten Truppen verfolgte er deutsche Truppen, befreite Teile nördlich von Paris, die Eiffel, befreite er Frankreich. Bis zum Januar 1945, nun 20jährig, wurde gekämpft und danach bis April das Vorrücken der alliierten Truppen unterstützt.
Den 8. Mai 1945, den Tag der Befreiung, erlebte Stenzel in Frankreich mit, es wurde Appell abgehalten, Salut geschossen und gefeiert. Nach Ende des Krieges erhielt er und viele seiner Mitstreiter die Auszeichnung ‚Held der französischen Republik‘, eine der höchsten Ehrungen Frankreichs überhaupt.
Nun reiste Stenzel nach Hause zurück. Er erfuhr erst jetzt, dass er in Abwesenheit als Wehrmachtsdeserteur zum Tode verurteilt worden war und seine Mutter 1/2Jahr lang wegen seines Überlaufens inhaftiert wurde. Sein Leben in der Sowjetischen Besatzungszone und dann der DDR beschrieb Stenzel in seinem Gespräch ebenfalls. So trat er sofort nach Ankunft in Deutschland der KPD, dann SED und nach der Wende PDS,Die Linke bei. Seinen Kampf gegen Nazideutschland musste er jedoch oft verteidigen und rechtfertigen. Als Widerstandskämpfer aus dem ‚Westen‘ erhielt er weniger Anerkennung für seine ehrenvollen Taten, als ihm zugestanden hätte. Trotz Absolvieren der ‚Parteischule‘ mit Auszeichnung wurde ihm nahe gebracht, niemals in leitenden Funktionen tätig sein zu können, sondern nur stellvertretend wirken zu können. So wurde er, als gelernter Schriftsetzer, 1950 stellvertretender Direktor der Sächsischen Zeitung.
War er nicht noch zum Tode verurteilt? Erst vor 3 Jahren wurden Wehrmachtsdeserteure aus dem Zweiten Weltkrieg von der damaligen rot-grünen Bundesregierung rehabilitiert, auch wenn es CDU-Mitglieder gab, die dagegen hielten ‚Landesverräter‘ freizusprechen.
Das Fazit, das Erhard Stenzel aus seinem Leben und seinem Kampf zog, gab er den Zuhören mit auf den Weg. Es dürfe nie wieder Krieg und nie wieder Faschismus geben. Dass rechtsradikale Parteien, wie die NPD als parlamentarische Parteien existieren, sei ein Unding und muss bekämpft werden. Faschismus sei ein Verbrechen und wenn das Grundgesetz keine Handhabe bieten kann, müsse es eben geändert werden. Wir seien weit weg vom tatsächlichen antifaschistischen Deutschland, wenn in Dresden, Nauen und anderswo Neonazis alljährlich marschieren. Und wir seien auch noch weit weg vom Frieden, wenn deutsche Soldaten sich im Krieg befinden, sei es auch weit weg am Hindukusch. Kriege können keine Probleme lösen und die Entscheidung der Bundesregierung sich nicht am Krieg in Lybien zu beteiligen sei ihr zu Gute zu halten.
„Nie wieder Krieg. Nie wieder Faschismus.“